Leseprobe

4 | Schule funktioniert ohne mich

Der Schulhof war lauter, als er sein musste. Nicht, weil jemand schrie, sondern weil viele Stimmen gleichzeitig, laut und ungeordnet sprachen. Sie lagen übereinander, ohne sich gegenseitig aufzuhalten. Lachen sprang hin und her. Niemand hielt es fest. Es war kein Chaos. Es war Bewegung.
Am Zaun hing eine Fahne, noch vom WM-Sommer. Schon leicht ausgeblichen. Die Farben wirkten matt, als hätten sie ihren Zweck erfüllt und warteten darauf, abgenommen zu werden. Niemand tat es. Vielleicht, weil sie niemanden störte.
Ich blieb kurz stehen.
Stehenbleiben war hier nicht neutral. Es war auffällig, auch wenn niemand offen hinsah. Also ging ich weiter. In dem Tempo, das ich mir über Jahre angewöhnt hatte, ohne es je geplant zu haben. Ein Tempo, das nicht auffiel.
Die Gruppen hatten klare Ränder. Man sah schnell, wer zusammengehörte. Manche standen so dicht, dass sie sich fast berührten. Andere hielten Abstand, als müssten sie sich daran erinnern, warum sie hier waren. Das galt hier einfach.
Ich ging zwischen zwei Gruppen hindurch. Niemand reagierte. Das beruhigte mich. Durchgehen war einfacher als stehen.
Im Gebäude roch es nach nassen Jacken und nach Putzmittel, das Sauberkeit behauptete. Der Geruch war überall gleich. Schließfächer klappten zu. Türen fielen ins Schloss. Jemand rannte den Flur entlang. Hier gehörte Eile offenbar dazu.
Ich suchte Raum 12. An Zahlen konnte man sich halten.
Das Klassenzimmer war schon halb voll. Stühle standen schief, Taschen lagen unter den Tischen, Jacken hingen über Lehnen. Niemand schien sich daran zu stören. Es funktionierte einfach. Ich suchte mir einen Platz am Rand, zweite Reihe von hinten. Nicht vorne. Nicht ganz hinten. Einen Platz, der niemandem auffiel.
Ich setzte mich, stellte den Rucksack ab und sah mich um, ohne den Kopf zu bewegen. Das hatte ich mir angewöhnt. Man sah genug und lud niemanden ein.
Ein Junge vor mir drehte sich halb um. Seine Haare lagen ordentlich, ohne geschniegelt zu wirken. Er wirkte zuständig, als müsste er kurz klären, was mit mir anzufangen war.
„Bist du neu?“, fragte er.
Ich nickte.
„Woher?“
„Bergheim“, sagte ich. Mehr fiel mir dazu nicht ein.
„Ah“, sagte er.
Mehr kam nicht. Hinter ihm lachte jemand kurz, nicht laut, aber genau im passenden Moment. Kein Spott. Ein Geräusch, das signalisierte, dass das Gespräch vorbei war.
Der Junge drehte sich wieder um.
Es ging schnell. Das war gut.
Frau Krüger kam herein, stellte ihre Tasche ab und legte die Hefte auf den Tisch. Ein Blick durch den Klassenraum, der zählte, ohne zu zählen. Sie nahm wahr, wer da war, ohne jemanden herauszuheben.
„Guten Morgen“, sagte sie.
Ein paar antworteten. Andere nicht. Das schien hier in Ordnung zu sein.
Sie sprach über den Stundenplan, über Regeln, über Inhalte, die wichtig klangen, aber nicht wehtaten. Man konnte sie hinnehmen, ohne sie genau zu verstehen. Ich schrieb ein paar Stichworte auf. Schreiben war praktisch. Es sah nach Mitarbeit aus und hielt mich beschäftigt.
Neben mir flüsterte jemand:
„Weißt du, wie streng die ist?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Geht so“, sagte er. „Wenn man nichts macht, merkt sie einen nicht.“
Ich nickte leicht.
Das klang brauchbar.
Frau Krüger verteilte Arbeitsblätter und nannte dabei die Namen. Manche reagierten sofort. Andere erst nach einem Moment. Ich reagierte nicht. Ich war froh, dass mein Name relativ spät kam. Bis dahin hatte ich mich an den Klang des Raumes gewöhnt.
„Jonas“, sagte sie.
„Ja“, sagte ich.
Sie nickte und machte weiter.
Das war alles.
Mehr passierte nicht.
In der kurzen Pause zwischen zwei Stunden blieb ich im Klassenzimmer. Drinnenzubleiben war weniger anstrengend, als sich für ein paar Minuten neu einzuordnen. Der Raum blieb derselbe.
Zwei Jungs standen am Fenster und redeten über Sport. Einer lachte zu laut. Der andere einen Moment zu spät. Ich merkte mir das. Man konnte viel sehen, wenn man auf solche „Kleinigkeiten“ achtete.
Ein Mädchen sagte: „Der Neue sagt wenig.“
„Ist doch okay“, sagte jemand. „Besser als zu viel.“
Ich wusste nicht, ob ich gemeint war.
Ich fragte nicht nach.
Als der Unterricht weiterging, merkte ich, dass niemand etwas von mir erwartete. Das System funktionierte auch ohne mich. Man musste nicht auffallen, um da zu sein. Man durfte nur nicht stören.
Das war beruhigend.
Und ein bisschen leer.
Ich schrieb mit, hörte zu, meldete mich nicht. Frau Krüger stellte Fragen, andere antworteten. Mein Platz blieb derselbe. Mein Name fiel nicht noch einmal. Das war kein Fehler. Es war einfach so.
Als es läutete, standen alle gleichzeitig auf. Stühle rutschten. Taschen wurden gepackt. Gespräche begannen, bevor jemand das Klassenzimmer verlassen hatte. Ich machte alles im gleichen Tempo wie die anderen.
Auf dem Flur ging ich mit dem Strom. Niemand blieb stehen. Niemand fragte etwas. Es lief.
Ich dachte daran, dass Schule auch ohne mich lief. Dass ich keinen Unterschied machte. Und trotzdem da war.
Ich wusste nicht, ob mich das erleichterte.
Oder ob es erklärte, wie leicht man verschwinden konnte, ohne wegzugehen.

7 | Ein Mädchen an der Mauer

Am nächsten Tag war wieder Pause.
Der Schulhof sah aus wie am Tag davor. Gleiche Fläche, gleiche Wege, gleiche Geräusche. Trotzdem stand ich anders darin. Informierter, ohne deshalb mutiger zu sein.
Ich wusste jetzt, wo man stehen konnte. Wo Anwesenheit nicht automatisch gelesen wurde.
Ich ging zur Mauer. In einem selbstverständlichen Tempo. Die Bewegung war mir vertraut.
Die Mauer war alt, grau und an manchen Stellen abgesplittert. Sie stand einfach da. Vielleicht war es genau das, was ich gerade brauchte.
Ich lehnte mich an. Nicht fest, nur so weit, dass ich hätte gehen können. Der Stein war kühl durch den Stoff meiner Jacke. Das Gefühl kam schneller, als ich erwartet hatte. Eindeutig. Kühl war besser als warm.
Ich sah auf den Boden, weil man dort weniger entscheiden musste. Der Boden war übersichtlich. Ein paar Kiesel. Ein zerdrücktes Blatt Papier, das einmal wichtig gewesen war. Eine Kippe, die niemand aufhob, weil sie schon zu lange dort lag. Ich fragte mich kurz, wie lange etwas blieb. Nicht theoretisch. Praktisch.
Plopp.
Mein Körper zuckte zusammen, als hätte jemand direkt neben mir in meine Gedanken geklatscht. Kein großer Schreck, aber ein unnötig präziser. Mein Herz machte diesen kleinen Hüpfer, der immer dann kam, wenn ich glaubte, alles im Griff zu haben. Äußerlich blieb ich ruhig. Hoffte ich.
Ich drehte den Kopf.
Neben mir stand ein Mädchen.
So nah, dass ich nicht sagen konnte, seit wann sie dort war. Sie lehnte ebenfalls an der Mauer. Anders als ich. Sie stand dort mit einer Selbstverständlichkeit, aus der man sie nicht einfach herauslösen konnte. Als wäre das hier ihr Platz.
Sie kaute Kaugummi.
Ihr Blick ging über den Schulhof. Nicht suchend. Nicht wertend. Eher wie jemand, der wusste, dass hier nichts Unerwartetes passieren würde. Und falls doch, würde es auch vorbeigehen.
Ich sagte nichts. Nicht aus Schüchternheit. Mein Kopf war noch damit beschäftigt, meinem Körper zu erklären, dass niemand angegriffen hatte. Das Mädchen sagte auch nichts. Das war überraschend angenehm. Kein Druck, die Stille zu füllen.
Der Schulhof war laut. Stimmen, Lachen, ein Ball, der irgendwo gegen Metall schlug. All das lief weiter, ohne sich für uns zu interessieren.
„Du bist neu“, sagte sie schließlich.
Der Satz klang weder wie eine Frage noch wie eine Feststellung. Er klang, als ließe er sich sofort einsortieren.
„Noch“, sagte ich.
Das Wort kam schneller, als ich gedacht hatte. Es klang nicht defensiv. Eher wie ein Zusatz, damit es nicht ganz stehen blieb.
Sie sah kurz zu mir. Ein Blick, der nichts suchte, sondern etwas wiedererkannte. Nicht mich. Die Situation.
„Ging mir auch so“, sagte sie.
Dann schwieg sie wieder.
Wir standen nebeneinander. Es gab keinen Grund, den Abstand zu verändern. Ich merkte, dass ich nicht darüber nachdachte, wie ich stand. Das war ungewohnt.
Ich überlegte, ob ich sie fragen sollte, wie lange sie schon hier stand. Ich ließ es. Die Antwort hätte nichts verbessert.
„Ich steh hier öfter“, sagte sie nach einer Weile.
Nicht erklärend. Nicht einladend. Einfach da.
„Ich auch“, sagte ich.
Es war gelogen. Aber nicht schmerzhaft.
Die Lüge war klein.
Sie nickte leicht, als wäre es egal.
„Mila“, sagte sie.
Nicht betont. Kein Blickkontakt. Keine Erwartung.
„Jonas“, sagte ich.
Der Schulhof war laut genug, dass unser Schweigen nicht auffiel. Stimmen zogen vorbei. Zwei Jungs blieben kurz stehen, gingen weiter. Niemand sah länger zu uns herüber. Ich merkte erst später, dass ich nicht mehr auf den Boden schaute.
Plopp.
Mein Körper machte nur diesen kleinen inneren Hüpfer, dann war er schon wieder weg. Ich bemerkte ihn nur.
Mila sah kurz zu mir.
„Du bist nicht zusammengezuckt“, sagte sie.
Kurze Pause.
„Die meisten tun das.“
Sie sagte es ohne Wertung.
„Ich hab gemerkt, dass du darauf geachtet hast“, sagte ich.
Sie nickte wieder. Dann lehnte sie sich noch ein Stück mehr an die Mauer.
„Man gewöhnt sich“, sagte sie.
„Oder man sucht sich einen Platz, wo es egal ist.“
Ich dachte kurz darüber nach. Nicht lange.
„Ist das hier egal?“, fragte ich.
Sie sah sich um. Den Hof. Die Gruppen. Die Wege.
„Nicht egal“, sagte sie.
„Aber übersichtlich.“
Mehr brauchte es in dem Moment nicht.
Als es läutete, bewegten wir uns nicht sofort. Wir warteten, bis der erste Schub losging. Dann löste sie sich von der Betonmauer.
„Bis später“, sagte sie.
Nicht wie ein Versprechen. Eher wie eine Möglichkeit.
Ich nickte.
Sie ging. Ich blieb noch einen Moment stehen und setzte mich dann auch in Bewegung.
Nicht schneller. Nicht langsamer. Nur weiter.

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